Was passiert im Gehirn, wenn wir einen Horrorfilm anschauen?

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Was passiert im Gehirn, wenn wir einen Horrorfilm anschauen? Und warum mögen manche Menschen das, und andere nicht?

Privatdozent Dr. Thorsten Fehr, Universität Bremen: Gehen wir von einem Menschen aus, der alleine vor dem Bildschirm sitzt und einen Horrorfilm anschaut – also einen Film mit Splatter-Anteil, viel Blut und Grausamkeiten. Der Mensch hört und sieht dabei. Deshalb sind der primäre visuelle Cortex und der superiore Temporallappen, der für die Verarbeitung von Gehörtem zuständig ist, aktiv. Für die Verarbeitung von Gesprochenem im Film ist das Wernicke-Areal zuständig. Spürt der Filmschauende außerdem den Impuls, selbst verbal auf den Horrorfilm zu reagieren, zum Beispiel durch Kreischen oder Schreien, ist außerdem der Bereich links unten im vorderen Teil des Gehirns aktiv. Diese beschriebenen Gehirnaktivitäten treten bei fast allen Menschen auf, wenn sie einen Horrorfilm sehen.

Spannend ist: Es gibt weitere, hochindividuelle Reaktionen auf Horrorfilme. Entscheidend dafür, wie ein Mensch reagiert, sind der Entwicklungsstand seines Gehirns und seine Lebenserfahrung. Denn aus diesen beiden Faktoren ergibt sich der emotional-kognitive Denkstil eines Menschen.

Dieser Denkstil entscheidet darüber, ob Menschen einen Horrorfilm als realistisch oder als virtuell wahrnehmen – zwei grundlegend verschiedene Sichtweisen, die unterschiedliche Reaktionen im Gehirn auslösen. Menschen, die einen Horrorfilm als im weitesten Sinne realistisch einordnen, nehmen das Gesehene so wahr, als habe es Effekte auf ihren eigenen Leib und ihr Leben. Diese Art der Wahrnehmung ist oft bei Kindern und Jugendlichen, aber auch bei Erwachsenen zu beobachten. Durch die empfundene Bedrohung werden die ausführenden Bereiche des Gehirns aktiv. Der Mensch versetzt sich in Handlungsbereitschaft, um flüchten zu können. Dafür ist auch die Orientierung im Raum wichtig: Wo ist die nächste Tür, wie kann ich schnell flüchten? Für diese Informationen ist der intraparietale Sulcus zuständig. Eine wichtige Rolle spielt auch das periaquäduktale Grau, eine Struktur im Hirnstamm. Es ist für Angriffs- und Fluchtreflexe zuständig und wird nur dann aktiv, wenn eine Bedrohung empfunden wird. Da sich das bedrohliche Geschehen jedoch nur auf der Leinwand abspielt, läuft der Zuschauer in der Regel nicht wirklich weg. Deshalb werden die Fluchtimpulse wieder abgewendet, was in der rechtsinferioren frontalen Region des Gehirns geschieht.

Wenn der Zuschauer Schmerzen der Figuren im Film nachempfindet, kann sich außerdem das Schmerzsystem im somatosensorischen Cortex einschalten. Ist emotionale Erregung gegeben, werden außerdem die Subcortiale und manchmal die Insula aktiv. Sie verarbeiten Schmerzempfinden und alles, was als unangenehm empfunden oder abgelehnt wird. Wenn das Gesehene im Gedächtnis gespeichert wird, ist auch die Amygdala beteiligt. Gerade bei Kindern und Jugendlichen können Horrorfilme tiefe Gedächtnisnarben verursachen, also Ängste oder psychische Störungen begünstigen. Deshalb ist es wichtig, sie vor medialer Gewalt zu schützen.

Menschen, die häufig Horrorfilme schauen, regelrechte Fans sind oder das Genre als ihr Hobby betrachten, reagieren auf diese Filme völlig anders als soeben beschrieben. Diese Menschen, die im Alltag sozial kompetente und liebe Zeitgenossen sein können, ordnen das Gesehene als virtuell ein. Bei ihnen sind Areale, die mit Erregung zu tun haben, weniger aktiv. Das periaquäduktale Grau wird nicht aktiviert, stattdessen spielen weit hinten liegende Thalamuskerne eine Rolle. Diese regen sich, wenn sich jemand zum Beispiel über gelungene Trickeffekte in Splatter-Szenen freut. Dabei spielen auch Regionen wie der primäre visuelle Cortex und Areale für die Objektexpertise eine Rolle. Denn Horrorfans sind oft auch Fachleute auf ihrem Gebiet.

Erwachsene sind hinsichtlich ihrer Wahrnehmung von Horrorfilmen sehr verschieden. Das hängt auch von der Persönlichkeitsstruktur ab. Emotionalere Menschen tendieren eher dazu, gesehene Grausamkeiten auch als potentielle Realität gelten zu lassen – was angesichts von Unrechtsregimen und Folter ja nicht abwegig ist. Andere lehnen diese realistische Komponente ab und machen sich Horrorfilme immer wieder als virtuell und eben nicht als realistisch bewusst. Was ein Mensch als realistische Bedrohung eingeschätzt, hat auch mit seinen bisherigen Erfahrungen zu tun. Ein durchschnittlicher Europäer ordnet einen Mörder mit Maschinengewehr weniger der potentiellen Realität zu, als ein ehemaliger Kindersoldat aus Uganda.