Was 2030 schon alles möglich ist

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Es ist das Jahr 2030. Susanne B. wird von einer heftigen Migräneattacke gequält und macht sich auf den Weg zum Arzt. Nach einer routinemäßigen Untersuchung nimmt er ihr einen Tropfen Blut ab, träufelt ihn auf eine schmale Glasplatte und schiebt sie in die kleine Öffnung eines etwa koffergroßen Gerätes. Es soll die Erbinformation von Susanne B. nach bestimmten Sequenzen absuchen. Wenige Minuten später kann der Arzt ihr sagen, welches Schmerzmedikament ihr hilft und in welcher Dosierung es am besten wirkt.

So könnte es irgendwann aussehen in einer Arztpraxis. “Die Zukunft der Medizin liegt in Therapien, die genau auf den Patienten abgestimmt sind”, sagt Prof. Markus Schwaiger, Dekan der Medizinischen Fakultät der Technischen Universität München und Träger des Bundesverdienstkreuzes für seine Leistungen in Wissenschaft und Forschung. Schließlich hängt die Wirkung eines Mittels stark davon ab, wie der einzelne Mensch es verstoffwechselt. So kann der Körper die Substanz abbauen, bevor sie wirken konnte, oder er wandelt sie zu schädlichen Stoffen um. Die Wirkungsvielfalt ist beträchtlich und in unserer genetischen Ausstattung festgelegt. “Einfache Gentests könnten die Zeit beenden, in der alle die gleichen Medikamente in den gleichen Dosierungen einnehmen, egal, ob sie kleine Kinder, schmale Frauen oder robust gebaute Männer sind”, sagt Prof. Schwaiger.

Die Diagnose wird revolutionär besser

Doch die Medizin der Zukunft hat noch mehr zu bieten: Bildgebende Verfahren machen den Patienten für den Arzt komplett “durchschaubar”. Mit dem Magnetic Particle Imaging (MPI) können Mediziner in dreidimensionaler Darstellung erkennen, wie das Blut durch die winzigen Herzkranzgefäße fließt, wie gut der Herzmuskel durchblutet ist und wie viel Blut er durch den Kreislauf pumpt. “Die neuen Techniken werden die Diagnose nicht nur vereinfachen, sondern auch helfen, Krankheiten noch früher zu erkennen”, erläutert Schwaiger. Denn: Je früher eine Therapie eingesetzt wird, desto erfolgreicher ist sie. Auf der anderen Seite wird sich die Medizin immer stärker weg von der Behandlung hin zur Prävention entwickeln. Prof. Markus Schwaiger: “Die Lebenserwartung steigt nicht nur dank neuer Therapien, sondern vor allem deshalb, weil es immer bessere Vorsorgemöglichkeiten gibt.”

Operationen: Ganz ohne Narben

Auch im OP wird es zu einer sanften Revolution kommen. Die chirurgischen Eingriffe der Zukunft werden schneller, besser und sicherer verlaufen, versprechen die Techniker von heute. Früher kam man selbst nach kleinen OPs mit großen Narben nach Hause, in einigen Jahren wird man vom Eingriff nichts mehr sehen. Die Schnitte werden immer kleiner. Ziel ist sogar der “unsichtbare Eingriff” durch die natürlichen Körperöffnungen.

Am Operationssaal der Zukunft bauen derzeit mehrere Forschergruppen. Was darin nicht fehlen darf, sind Roboter. Sie werden den Menschen nie ersetzen können, aber sie sind in der Lage, ihn optimal zu unterstützen. “Wenn es um millimetergenaue Präzision geht, wird der Operateur das Skalpell aus der Hand legen und mit ferngesteuerten Instrumenten in den Patienten eindringen”, erklärt Schwaiger. “Bilder, die Kameras im Körperinneren aufnehmen, weisen dem Chirurgen dabei den Weg. Auf einem weiteren Bildschirm kann er die digitale Krankenakte des Patienten einsehen, die alle bisherigen Diagnose-Ergebnisse zeigt.” Dazu muss der Arzt noch nicht einmal vor Ort sein. Gibt es etwa für eine spezielle OP einen Experten in München, kann der den Eingriff in einer Hamburger Klinik von der bayerischen Metropole aus steuern.

Neueste Hoffnung: Nano & Neuro

Durch die rasante Entwicklung der Neurotechnik ist es längst keine unrealistische Träumerei mehr, wenn Ärzte mit Neurochips und Mikroelektroden die Sinne des Menschen stimulieren wollen. Ingenieure, Physiker und Mediziner arbeiten schon lange gemeinsam an elektronischen Implantaten, die gestörte oder verlorene Körperfunktionen wiederherstellen sollen. Das sogenannte Cochlea-Implantat im Ohr ist schon jetzt Realität und schenkt vielen tauben Menschen wieder ein Gehör. Doch dabei soll es nicht bleiben: Weltweit arbeiten Wissenschaftler fieberhaft daran, mit winzigen Neurochips Blinde wieder sehen zu lassen.

Im Gehirn helfen schon heute Mini-Schrittmacher Parkinson-Patienten dabei, sich wieder besser bewegen zu können. Bald sollen elektrische Reize dort auch die Schwermut von Depressiven und die Anfälle von Epileptikern sowie Cluster-Kopfschmerzen lindern. Hilfe können auch jene 12.000 Menschen erwarten, die in Deutschland pro Jahr auf ein Spenderorgan warten. “Immer bessere Kunstherzen ermöglichen es schon heute einer wachsenden Zahl von Betroffenen, die Zeit bis zur lebensrettenden Transplantation zu überbrücken”, sagt Schwaiger. In vielen Jahren werden die künstlichen Herzen vielleicht durch gezüchtete Organe aus lebenden Zellen ersetzt werden. “Ziel der Forscher ist es, differenzierte Körperzellen so umzuprogrammieren, dass sie sich zu jeder Zellart entwickeln können.”

Eine weitere Möglichkeit ist es, Stammzellen direkt einzusetzen. In Tierexperimenten haben Forscher bereits vielversprechende Ergebnisse erzielt: So konnten gelähmte Ratten ihre Hinterbeine wieder bewegen, nachdem Forscher ihnen Rückenmarkszellen injizierten, die sie aus embryonalen Stammzellen gezüchtet hatten. Mithilfe solcher Stammzellen ersetzten Forscher auch das durch einen Infarkt zerstörte Gewebe herzkranker Mäuse oder heilten sie von ihrer Zuckerkrankheit.

Weiterer Liebling der Forscher ist die Nanomedizin. Nanoteilchen bestehen nur aus ein paar Atomen und sind etwa tausendmal kleiner als ein rotes Blutkörperchen. Fast die Hälfte der in diesem Bereich tätigen Unternehmen arbeitet momentan am Arzneitransport, dem sogenannten “Drug Delivery”: Wirkstoffe lassen sich in Nanopartikel einpacken, die dann in die Blutbahn gespritzt werden. Weil sie jeden noch so kleinen Winkel erreichen können, sind sie in der Lage, die Arznei zielgenau abzugeben.

Die Königsklasse der Nanomedizin ist jedoch die Krebsforschung. In Hamburg haben Wissenschaftler des Universitätsklinikums Eppendorf (UKE) das Konzept für eine sogenannte Nano-Angel entwickelt. Mit ihrer Hilfe sollen Krebszellen im Blut aufgespürt, eingefangen und typisiert werden. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat die richtungsweisende Idee kürzlich beim “Innovationswettbewerb Medizintechnik” ausgezeichnet.

Pflege: Hilfreiche Roboter

In den nächsten Jahren wird es immer mehr ältere und pflegebedürftige Menschen geben. Die Forschung hat dieses Problem erkannt und entwickelt Roboter, die in Kliniken, Heimen und bei der häuslichen Pflege zum Einsatz kommen sollen. In Japan hat sich “Paro” bewährt, eine “therapeutische Robbe”. Sie ist 60 Zentimeter lang, hat weißes Kuschelfell und blickt Patienten beruhigend aus kugelrunden Augen an.

“Paro” wurde für den Einsatz bei Demenzkranken entwickelt und auch schon in Deutschland getestet. Der “Care-O-bot 3” kommt auf vier Rollen daher und kann immerhin auch putzen, aufräumen sowie Essen und Arznei bereitstellen. Fantastische Fortschritte! Prof. Schwaiger aber gibt zu bedenken: “Die Medizin der Zukunft weckt große Hoffnungen. Doch von welchen Entwicklungen die Patienten in Zukunft wirklich profitieren werden, muss sich noch zeigen.”