Warum wir Krebs bekommen

31 total views, 1 views today

Im hohen Alter sind Tumoren nicht ungewöhnlich, aber auch Kinder können erkranken: Was sind die Ursachen für die Wucherungen?

Wann immer ein Prominenter sein Krebsleiden outet, ist die Anteilnahme der Medien groß. Als es kürzlich hieß, der ehemalige Außenminister Guido Westerwelle werde aufgrund einer akuten Leukämie behandelt, begann umgehend das mediale Rätselraten, um welche der bösartigen Spielarten von Blutkrebs es sich handeln könnte und wie nun die Überlebenschancen stünden. Kurzfristig stieg sogar die Zahl potentieller Knochenmarkspender, beeilte sich die Deutsche Knochenmarkspenderdatei zu vermelden: Sie wirbt seit Jahren mit Prominenten auf ihren Kampagnenplakaten, denn es kann Patienten das Leben retten, wenn sich im Notfall immunologisch passende Spender in der Datenbank finden lassen.

Mehr Vorsorge durch mediale Aufmerksamkeit

In einem Editorial in der New York Times im Mai 2013 verkündete die damals 37-jährige Angelina Jolie, warum sie sich aufgrund eines erblich bedingten drastisch erhöhten Brustkrebs-Risikos vorsorglich beide Brüste amputieren ließ: „My Medical Choice“ titelte ihr Bekenntnis – anschließend stieg in den Vereinigten Staaten die Nachfrage nach entsprechenden Gentests enorm. Der Run auf die Erbgutanalysen einer amerikanischen Biotechnologiefirma ist insofern bemerkenswert, weil allenfalls ein Bruchteil der Frauen ein ähnliches Erbe in ihren Genen tragen.

Die mediale Aufmerksamkeit kann Ängste schüren, und es sorgt auch für Betroffenheit, wenn man von einer Tumordiagnose im Bekanntenkreis hört, die Menschen aus dem blühenden Leben reißt. Nach dem ersten Schock stellt sich bei den anderen meist die Frage, wie häufig ein solcher Fall denn vorkommt. Und welche Krebsleiden einen schon in jüngeren Jahren treffen können, womöglich kurz nach der Geburt? Epidemiologen haben in den vergangenen Jahren der Forschung einige belastbare Fakten über die Häufigkeit von Krebs in den verschiedenen Altersgruppen gesammelt. Es gibt auch eine plausible Theorie, warum Krebs sehr viel häufiger im höheren Alter auftritt.

Kein Bedarf nach 500 Jahre alten Individuen

Das Altern stellen wir uns meist als einen aktiven Vorgang vor, wie eine Art Reifung. In Wahrheit ist es aber nichts anderes als ein Nachlassen der Präzision all jener Prozesse, die den Körper in einem jungen Zustand erhalten. Wenn Körperzellen zum Beispiel ihre Erbinformationen nicht mehr so sorgfältig reparieren, kann ebenso Krebs entstehen wie in Fällen, in denen die Immunabwehr amoklaufende Tumorzellen häufiger übersieht. Verklumpen beispielsweise Eiweißmoleküle im Gehirn, weil wichtige Faltungshelfer nachlässig werden, kann Alzheimer die Folge sein.

Aus Perspektive der Evolutionsbiologie kühl betrachtet, bestand – bisher – in der Natur schlicht kein Bedarf, Individuen zu erhalten, die 500 Jahre alt werden könnten. Unter den ursprünglichen Bedingungen hatte ein Mensch lange überhaupt keine Chance, eine solche Zeitspanne wie heute auch nur annähernd zu erleben. Schon die Kindheit zu überstehen war eine Herausforderung.

Der moderne Mensch lebt heute aber deutlich länger, als es etwa in prähistorischen Zeiten üblich war. Diese veränderte Lebenserwartung hat entsprechende Begleiterscheinungen – dazu zählt Krebs. Dreiviertel aller Neuerkrankungen werden jenseits des 60. Geburtstages diagnostiziert. Das Risiko, an Darmkrebs zu erkranken, liegt für einen 70-jährigen Mann etwa 1000 Mal höher als für einen Zehnjährigen. Krebs tritt selten bei Kindern auf, nur eine von 100 Tumordiagnosen wird bei Kindern unter 14 Jahren gestellt. Nach Angaben des Deutschen Kinderkrebsregisters erkrankt von etwa 420 Neugeborenen nur ein Kind vor dem 15. Geburtstag an Krebs.

Gefährliche Mutationen im Körper

Weil ihr Körper rasch wachsen muss, sind bei Kindern die Schutzsysteme besonders wachsam; es gilt, unkontrolliert wucherndes Gewebe rasch aufzuspüren. Aber das gelingt nicht immer. In einigen Fällen besteht ein Risiko, weil die Eltern bestimmte genetische Anlagen vererbten, die das Wachstum von Tumorzellen erleichtern oder Krebs eben nicht frühzeitig verhindern können.

Nimmt man sich wiederum die Altersgruppe der 25- bis 49-Jährigen vor, ist die Sache nur auf den ersten Blick komplexer. Ein Zehntel aller Neuerkrankungen entfällt auf sie; die Betroffenen erkranken aber nicht häufiger, sondern nur statistisch rund 25 Jahre früher als der Rest der Menschheit. Vielleicht weil ihre Reparatursysteme weniger zuverlässig arbeiten. Dadurch können sich gefährliche Mutationen, von denen meist erst eine Handvoll den Weg zum unkontrollierten Wachstum ebnen, früher im Körper anhäufen.

Effektive Therapien nehmen dem Krebs seinen Schrecken

Zählt man alle Fälle zusammen, erhält jeder Dritte irgendwann in seinem Leben eine Krebsdiagnose. Wer nun solche Aussagen fürchtet, der sollte immer auch bedenken, dass die Zahlen im Kern auf statistischen Annahmen beruhen, die zeitlich und regional in Bewegung bleiben. Ein Mensch kann in seinem Leben durchaus mehrere Krebsdiagnosen erhalten, also an Tumoren in verschiedenen Körperbereichen erkranken.

Weil jede dieser Diagnosen in Statistiken als Neuerkrankung gezählt wird, scheint Krebs eine häufigere Bedrohung zu sein, als das Leiden eigentlich ist. So erkranken von 100 000 Bundesbürgern unter 50 weniger als 14 Männer pro Jahr; in der Altersgruppe der über 75-jährigen Männer werden dagegen 760 von 100 000 erstmals eine entsprechende Diagnose erhalten. Übrigens viele, weil sie sich dem umstrittenen Früherkennungstest für Prostatakrebs unterzogen haben, der nicht in jedem Fall tödlich verlaufen würde.

Außerdem ist zu berücksichtigen, dass manche Diagnose selbst bei Krebs ihren Schrecken verlieren kann, wenn effektive Therapien entwickelt wurden. Wie im Beispiel der chronisch myeloischen Leukämie, bei der es inzwischen gelingt, entartete Blutzellen über Jahre in Schach zu halten, wenn eine dafür bestimmte Tablette pro Tag eingenommen wird.

Eigenes Verhalten beeinflusst Entstehen von Krebs

Dass das eigene Verhalten erheblichen Einfluss auf das Entstehen von Krebs und die Häufigkeit der Erkrankungen hat, wird gerne unterschätzt. Erkenntnisse über subtile Langzeiteffekte liefern etwa Studien über Raucher, die ihrer Nikotinsucht in verschiedenen Lebensabschnitten entkamen. Bei Männern, die nie rauchten, erkranken kaum zwei von hundert an Lungenkrebs, bei früheren Rauchern sind es sechs, bei lebenslang starken Rauchern bis zu 24. Bei jenen hingegen, die eine Packung und mehr pro Tag konsumieren, sinkt nach einer Halbierung der täglichen Zigarettenmenge das Lungenkrebsrisiko innerhalb von fünf bis zehn Jahren immerhin um knapp 30 Prozent.

Weniger bekannt dürfte der Befund sein, dass mit dem Alter sich die Lungenkrebserkrankungen bei Nichtrauchern kaum häufen, bei Rauchern nehmen sie aber sehr wohl deutlich zu: Es besteht ein enger Zusammenhang zwischen der sich anreichernden Dosis eines karzinogen Stoffes und bösartigen Veränderungen im Lungengewebe.

Manche molekulare Reparatursysteme arbeiten unsauber

Warum Krebs mit steigendem Alter häufiger wird, dazu gibt es mehrere Theorien. Bei Individuen, die schon im Kleinkindalter zu Patienten werden, handelt es sich vermutlich um genetisch Vorbelastete, bei denen schon eine oder wenige weitere, zufällige Mutationen im Erbgut ein unkontrolliertes Wuchern verursachen können. Die Tumoren entwickeln sich dann meist dort, wo Gewebe während der Schwangerschaft besonders rasant wachsen, so sind unter Umständen das Gehirn und das blutbildende System betroffen.

Wenn Menschen als junge Erwachsene oder im mittleren Alter Krebs entwickeln, ist ihre Tumorabwehr womöglich schwächer ausgeprägt: Molekulare Reparatursysteme, die beim Kopieren der DNA die entstehenden Fehler korrigieren sollen, können schon von Geburt an unsauber arbeiten. Es ist eine Form von Nachlässigkeit, deren Folgen zum Beispiel Menschen mit bestimmten Mutationen im APC-Gen zu spüren kommen.

Dieses APC-Gen schützt auf besondere Weise das Erbgut in den Zotten der Darmwand, fällt es aus, treten zwar nicht mehr Mutationen auf, bis schließlich Krebs entsteht. Doch das Krebswachstum beginnt 25 Jahre früher als beim Durchschnitt. Deshalb erhöht sich auch die Wahrscheinlichkeit, die Diagnose Darmkrebs noch zu erleben. Abgesehen davon können auch bestimmte Viren zu Krebswucherungen führen, etwa bei Gebärmutterhalskrebs, und beim jeweiligen Infektionsgeschehen kommt dem individuellen Immunsystem eine wichtige Rolle zu.

Schlüssel für Therapien im Erbgut?

Im Alter sind Krebserkrankungen vermutlich häufiger, weil zum Beispiel die Reparatursysteme in den Zellen selbst Altersprozessen ausgesetzt sind. Auch können dann chronische Entzündungen die unkontrollierten Wucherungen beschleunigen, wenn die Immunabwehr weniger wachsam agiert.

Während die Neuerkrankungsrate vom 60. Lebensjahr an extrem steigt, sinkt sie erstaunlicherweise nach dem 95. Geburtstag wieder ab. Warum, das ist ein bisher ungelöstes Rätsel. Womöglich erreichen eher unverwüstliche Körper ein solches Alter, und deshalb sind Hochbetagte derzeit für die Pharmaindustrie von großem Interesse: Man hofft, in ihrem Erbgut einen Schlüssel für Therapien gegen typische Alterskrankheiten zu finden.

Eine andere Theorie geht davon aus, dass im hohen Alter auch den Krebszellen die Kraft ausgeht, sich unkontrolliert und rasant zu vermehren. Ein Trost ist das freilich nicht.