Unsere Verwandten sterben aus! Mehr als die Hälfte der Primaten sind bedroht

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Affen sind unsere nächsten Verwandten. Sie leisten einen wichtigen Beitrag für das Ökosystem und spielen in vielen Kulturen und Religionen eine Rolle. Doch etliche Arten dürften die nächsten 50 Jahre nicht überleben. Das sollte ein Alarmsignal für den Menschen sein.

Weltweit sind 60 Prozent der derzeit rund 500 bekannten Arten von Primaten vom Aussterben bedroht. Diese alarmierende Zahl nennt eine Studie einer internationalen Forschergruppe um den Zoologen Alejandro Estrada von der Nationalen Autonomen Universität von Mexiko. Erschienen ist die Arbeit im Wissenschaftsjournal „Science Advances“.

Gemeinhin versteht man unter den Primaten die Affen. Biologisch gesehen umfasst die Ordnung aber die Halbaffen Madagaskars ebenso wie unsere nächsten Verwandten, die Menschenaffen. Selbst der Mensch zählt dazu. Von ihm leitet sich die Bezeichnung „Primat“ ab (von lateinisch primus = der Erste), was sich sich auf den Homo sapiens als die am höchsten entwickelte Art bezieht.

Die Primaten sind in Afrika, Südamerika, Asien und Madagaskar verbreitet. Die meisten leben in tropischen und subtropischen Wäldern auf Bäumen, einige aber – etwa die Paviane – tummeln sich auf den Böden von Savannen. Die Größenunterschiede sind enorm: Der kleinste Primat ist der rund 30 Gramm schwere Zwergmausmaki auf Madagaskar, der größte das Gorillamännchen mit bis zu 200 Kilogramm Gewicht.

Lemuren und Berggorillas sind stark gefährdet

Noch ist die Biodiversität der Primaten groß. Die Zoologen kennen 504 Arten, die 79 Gattungen angehören. Doch damit dürfte es bald vorbei sein. Laut der neuen Untersuchung sind 60 Prozent der Arten vom Aussterben bedroht, bei 75 Prozent sinken die Bestände. Am schlechtesten ist es um die Lemuren auf Madagaskar bestellt: Bei ihnen stehen 87 Prozent der Arten vor dem Aus.

Unmittelbar vom Artentod bedroht ist auch der Berggorilla, von dem noch zwei getrennten Populationen existieren. Sie leben im Virunga-Nationalpark, der im Grenzgebiet zwischen Ruanda, Uganda und der Demokratischen Republik Kongo liegt, und im Bwindi-Nationalpark im südwestlichen Uganda. Zählungen von 2010 und 2012 ergaben 480 Individuen im Virunga-Gebiet und 400 im Bwindi-Wald, womit sich eine Gesamtpopulation von gerade noch 880 Tieren ergibt.

Beim Westlichen Gorilla ist insbesondere die Unterart des Cross-River-Gorilla gefährdet, die ein kleines Gebiet an der Grenze zwischen Nigeria und Kamerun besiedelt. Nach Angaben des Naturschutzverbands WWF liegt die Gesamtpopulation bei 250 bis 300 Tieren.

Der Mensch zerstört die Lebensräume

Ursache des Niedergangs sind menschliche Aktivitäten. So werden großflächig Wälder abgeholzt und gerodet, um Flächen für die Landwirtschaft oder Viehweiden zu gewinnen. Für Transport und Export der Produkte entstehen Straßennetze in den restlichen Waldflächen. Rund 76 Prozent der Arten verloren durch diese Art von Nutzungsumwandlung große Teile ihrer Lebensräume.

In Madagaskar verschwanden 90 Prozent des Waldes

Daneben fallen für die Erschließung von Erdöl- und Erdgasfeldern, Minenbetriebe und Stauseen die Wälder. Hinzu kommen die illegale Jagd und der Handel mit Primaten, die als Haustiere gefangen werden. Auch durch den Klimawandel und übertragene Krankheiten geraten die Populationen unter Druck. „Oft kommen mehrere dieser Ursachen zusammen, was den Niedergang der Primaten beschleunigt“, heiß es in der Studie.

Die Berggorillas etwa fallen vor allem der Wilderei, aber auch Infektionen wie Ebola zum Opfer. Beides verursachte einen Bestandsrückgang der Art um etwa 60 Prozent allein in den letzten 20 bis 25 Jahren. Hinzu kommt die Zerstörung ihres Lebensraums.

Tatsächlich leben die Tiere meist in Regionen, in denen große Armut und mangelnde Bildung herrschen. Diese Bedingungen zwingen die Bevölkerung, Raubbau an der Umwelt zuzulassen. In Madagaskar etwa verschwanden 90 Prozent des ursprünglichen Waldes. Die Bäume dienen zur Gewinnung von Tropenhölzern und Bauholz, zudem mussten sie Ackerflächen weichen. Am meisten Holz – 80 Prozent des Einschlags – benötigen die Inselbewohner aber zum Kochen auf offenem Feuer.

Unter dem Schwund der Bestände leiden die Menschen

Ein wesentlicher Treiber des Niedergangs ist auch die Lebens- und Wirtschaftsweise in den Industrieländern. „Viele der Ressourcen und Produkte, zu deren Gewinnung Lebensräume von Primaten vernichtet werden, wie Bodenschätze, Rindfleisch, Palmöl und Soja, werden letztlich in den industrialisierten Ländern verbraucht“, erklärt Studienmitautor Eckhard Heymann vom Deutschen Primatenzentrum (DPZ) in Göttingen.

Unter dem Schwund der Bestände leiden die Ökosysteme, aber auch die Menschen. So tragen die Primaten zur natürlichen Regeneration und damit zum Funktionieren tropischer Lebensräume bei, etwa indem sie die Samen ihrer Nahrungspflanzen verbreiten. Viele erhalten auch als Bestäuber die Artenvielfalt.

Daneben sind sie Bestandteil vieler Kulturen und Religionen. „In traditionellem lokalen Wissen, Folklore, Geschichte und selbst in der Wirtschaft spielen sie eine Schlüsselrolle“, konstatieren die Studienautoren. So werden Affen in der buddhistischen und Hindu-Mythologie als Götter verehrt, und in Tempeln und Schreinen in Süd- und Südostasien stehen sie seit Jahrhunderten an der Seite der Menschen. Heute sind viele solcher „Affentempel“ Touristenattraktionen, in denen die Tiere geschützt werden. Den Einheimischen verschaffen sie damit ein Einkommen.

In ähnlicher Weise integriert das Volk der Guajá im Amazonasgebiet Affen in ihr Glaubenssystem und ihre Ahnenreihe. Zugleich dienen ihm die Tiere als nachhaltige Nahrungsquelle. „Wenn die Primaten lokal selten werden oder aussterben, riskieren wir den Verlust komplexer ökologischer und kultureller Beziehungen, die sich über Jahrtausende zwischen Menschen und Primaten entwickelten“, heißt es in der Studie.

Das Sterben unserer nächsten Verwandten ist ein Alarmsignal

Ihre Autoren fordern deshalb Maßnahmen in den von Primaten bewohnten Regionen, die darauf abzielen, die Gesundheit und den Zugang zu Bildung für die Bevölkerung zu verbessern. Flächennutzungspläne sollten entwickelt werden, um traditionelle Lebensgrundlagen zu erhalten, die zur Ernährungssicherheit und zum Umweltschutz beitragen. „Arterhaltung ist eine ökologische, kulturelle und soziale Notwendigkeit“, betont DPZ-Forscher Heymann. „Wenn unsere nächsten Verwandten aussterben, ist dies ein Alarmsignal, dass sich die Lebensbedingungen auch für Menschen sehr bald dramatisch verschlechtern.“