Neue Krebs-Therapien

2,663 total views, 4 views today

Experten geben Hoffnung: Können wir Tumoren bald besiegen? Alle neuen Therapien im Überblick.

Kaum eine Diagnose ist so gefürchtet wie diese: Krebs! Fast eine halbe Million Deutsche erkrankt jährlich daran: Frauen am ehesten am Brust-, Männer am Prostatakarzinom.

Ältere sind häufiger betroffen als Jüngere. Grund: Der Alterungsprozess begünstigt eine fehlerhafte Zellteilung – und damit die krankhafte Entartung von Körperzellen. Da die Deutschen immer älter werden, steigt auch die Zahl der Betroffenen.

Nach Unfällen und Herz-Kreislauf-Leiden ist Krebs hierzulande noch immer die dritthäufigste Todesursache. Dennoch bedeutet die Diagnose heute längst kein Todesurteil mehr. Starben 1980 noch über zwei Drittel aller Krebspatienten, kann heute mehr als die Hälfte mit dauerhafter Heilung rechnen. Das ist zum einen auf die verbesserte Früherkennung zurückzuführen, zum anderen auf enorme Fortschritte bei der medizinischen Behandlung.

Vier Säulen der Tumortherapie

Besondere Erfolge versprechen die neuartigen Verfahren der Immuntherapie, die erst durch Gentechnik möglich wurden. Neben Operation, Strahlen- und Chemotherapie bilden sie heute die vierte wichtige Säule der Krebsbehandlung. Aber auch in den Standardbereichen sorgen neue Erkenntnisse und technische Innovationen für Hoffnung.

HÖRZU gibt in einer Medizinreihe Überblick über alle Fortschritte, hier in Teil 1 über Neuheiten bei Operation und Strahlentherapie.

Das OP-Verfahren

Noch immer stellt bei fast allen Krebsarten eine OP die wichtigste, meist auch die erste Behandlungsform dar. “Nur die Entfernung des Tumors birgt die Option auf Heilung”, sagt Dr. Kay Friedrichs, ärztlicher Direktor am Mammazentrum Hamburg.

Entscheidend sei die “Entfernung im Gesunden”: Damit keine bösartigen Zellen im Körper verbleiben, schneiden die Ärzte eine gesunde Randzone mit heraus, eventuell auch benachbarte Lymphknoten. Die mikroskopische Untersuchung des entnommenen Gewebes durch einen Pathologen entscheidet dann über weitere Therapien.

Fielen die Eingriffe früher oft sehr radikal aus, wird heute selektiver gearbeitet – und damit schonender für den Patienten. “Technische Hilfsmittel ermöglichen den Operateuren heute eine viel größere Präzision”, erklärt Dr. Friedrichs.

Minimalinvasive Endoskoptechnik

Dazu zählen vor allem die minimalinvasive Endoskoptechnik und robotergestützte OP-Systeme, bei denen der Chirurg ein hochauflösendes 3-D-Videobild vor sich hat und die Instrumente über eine Steuerkonsole bedient. “Solche Systeme liefern bis zu zehnfach vergrößerte Ansichten, zeigen also die Gewebestruktur viel feiner als durch das menschliche Auge darstellbar”, so der Experte.

Hightechgeräte ermöglichen es zudem, Tumoren zu entfernen, die früher als inoperabel galten. Zugleich hat sich die Zahl der OP-Komplikationen deutlich reduziert – dank präziserer Instrumente und verbesserter Anästhesie.

Das “iKnife”

Eine der größten Herausforderungen bei Krebsoperationen ist die Unterscheidung von krankem und gesundem Gewebe. Dabei könnte Chirurgen in Zukunft das “iKnife” helfen, eine Art “intelligentes” Messer, das den Unterschied in kürzester Zeit erkennt.

Dr. Friedrichs warnt zwar vor überzogenen Erwartungen: “Es kann nicht die pathologische Untersuchung des Gewebes ersetzen.” Gleichwohl hält er die elektrophysiologischen Techniken, auf denen das “iKnife” basiert, für zukunftsweisend in der Krebschirurgie.

Noch relativ neu, aber bereits bewährt ist die Kombination von Operation und Bestrahlung. Möglich wird dies durch mobile Strahlungsgeräte mit individuell anpassbaren Applikatoren.

“Bei der intraoperativen Bestrahlung wird das Tumorbett noch während der OP zielgenau bestrahlt”, erklärt Dr. Friedrichs. Vorteil für die Patienten: Die anschließende Strahlentherapie verkürzt sich, im günstigsten Fall kann sie sogar entfallen.

Strahlentherapie

Mehr als die Hälfte aller Krebspatienten erhält eine Strahlenbehandlung – je nach Art und Größe des Tumors als zusätzliche oder auch alleinige Therapie. Denn die Strahlenmedizin ist heute so effektiv und zugleich schonend wie nie.

“Die Radioonkologie profitiert besonders stark von technischen Entwicklungen”, erklärt Prof. Jürgen Debus, Leiter des Heidelberger Ionentherapiezentrums (HIT). Dazu zählt neben der Computertechnik auch die moderne Bildgebung durch Computertomografie (CT), Magnetresonanztomografie (MRT) oder Positronen-Emissions-Tomografie (PET). Solche Bilder zeigen nicht nur die exakte Größe und Form des Tumors, sondern auch die Lage benachbarter Organe.

Ionentherapie
Der Bestrahlungsplan erfolgt dann am 3-D-Computermodell. “Konnte man früher nur einen ungefähren Zielbereich definieren, bestrahlen wir heute millimetergenau”, erläutert der Mediziner.

Bewegliche Strahlenkanonen, sogenannte Gantrys, sorgen zudem dafür, dass der Tumor aus unterschiedlichen Winkeln getroffen wird und so die Belastung für das umliegende Gewebe möglichst gering bleibt.

Bei der intensitätsmodulierten Strahlentherapie, kurz IMRT, kann zusätzlich innerhalb des Zielfelds die Stärke der Strahlung variiert werden. Die aufwendige Technik kommt bei sehr komplex geformten oder sensibel gelegenen Tumoren zum Einsatz.

Das Cyberknife

Cyberknife-Zentrum
Neue Strahlentherapie mit Zielgarantie: das Cyberknife.

Hochpräzise arbeitet auch die bildgesteuerte Strahlentherapie, die Bildgebung und Bestrahlung in einem Gerät vereinigt. “Sie berücksichtigt aktuelle Veränderungen des Tumors, sei es aufgrund von Atem- oder Darmbewegungen oder weil sich die Form im Therapieverlauf verändert hat”, so Debus.

Bei modernsten Geräten wie dem Cyberknife, das im Münchner Cyberknife-Zentrum zum Einsatz kommt, wird die Lage des Tumors fast in Echtzeit an den Bestrahlungsroboter übertragen, der die Strahlen entsprechend nachjustiert. In Einzelfällen lässt sich das Cyberknife sogar wie ein Skalpell einsetzen und kann so eine Operation ersparen.

Die Ionentherapie

Ein innovativer Weg in der Radioonkologie ist die Ionentherapie, die Bestrahlung mit geladenen Teilchen. “Während herkömmliche Röntgen- oder Gammastrahlen das Gewebe komplett durchdringen, lässt sich bei Protonen und Schwerionen genau steuern, an welchem Punkt sie ihre Energie freisetzen”, erklärt Debus. “Dadurch bleibt das Gewebe vor und hinter dem Tumor optimal geschont.”

Dies ist vor allem für Patienten mit Hirnoder Muskeltumoren wichtig, aber auch für Kinder, da Gewebe im Wachstum sehr empfindlich reagiert. Die Punktgenauigkeit der Ionenstrahlung erlaubt es zudem, die Strahlendosis zu erhöhen – was zugleich die Heilungschancen verbessert.

Vorteil der Ionentherapie

Die Bestrahlung speziell mit Schwerionen hat einen weiteren Vorteil: Hier kann sich größere Zerstörungskraft entfalten, die auch ruhende Krebszellen erreicht. “Langsam wachsende Tumoren, die sonst kaum reagieren, bilden sich so rasch zurück”, sagt Debus.

Zwar gibt es derzeit nur wenige Standorte für die Ionentherapie, zudem wird sie vorwiegend für klinische Studien eingesetzt. Doch Debus prophezeit: “In zehn bis 15 Jahren wird die Behandlung Standard sein.”