Ein Kopf auf einem fremden Körper

Ein Russe will sich einen neuen Körper transplantieren lassen. Was wie ein schlechter Scherz klingt, plant der italienische Chirurg Sergio Canavero tatsächlich umzusetzen. Kann er sein Versprechen halten?

Der 31-jährige Russe Waleri Spiridonow träumt von einem neuen Körper. Er leidet unter Spinaler Muskelatrophie, einem seltenen Gendefekt, der Muskeln schrumpfen lässt und für Bewegungen zuständige Nerven zerstört. Seit er denken kann, sitzt Spiridonow im Rollstuhl, den er mit einem Joystick bewegt. Wie viel Lebenszeit ihm noch bleibt, weiß er nicht – doch er hat eine ungewöhnliche Hoffnung.

Der italienische Neurochirurgen Sergio Canavero will dem Patienten 2017 den Kopf abnehmen und auf einen gesunden Körper transplantieren. Bereits im vergangenen Jahr machte das Vorhaben Schlagzeilen, als Canavero es auf einer Fachtagung vorstellte. Für Laien klingt der Plan wie bei Dr. Frankenstein abgekupfert, untauglich für eine Umsetzung in der Realität. Und das ist er auch in den Augen der meisten Fachleute.

Versuche an Tieren gibt es seit Jahrzehnten

Die Idee, einen Kopf auf einen fremden Körper zu transplantieren, ist nicht neu. Bereits vor Jahrzehnten, zuerst in den Fünfzigerjahren, gab es entsprechende Versuche mit Hunden und Affen. Nie überlebten die Versuchstiere den Eingriff länger als ein paar Tage, das durchtrennte Rückenmark ließ sich nicht reparieren.

Zuletzt berichtete Canavero Anfang 2016, der chinesische Forscher Xiaoping Ren habe einem Rhesusaffen einen fremden Körper transplantiert. Die beiden Chirurgen wollen Spiridonow gemeinsam operieren.

Laut Canavero gelang es Ren zwar, die Blutversorgung zwischen den Körperteilen so schnell wieder herzustellen, dass das Hirn des Affen keinen Schaden durch Sauerstoffmangel nahm. Seinen neuen Körper bewegen konnte der Affe nach der Operation aber nicht. Aus ethischen Gründen musste er nach 20 Stunden eingeschläfert werden. Veröffentlicht ist die Studie bislang nicht, weshalb Kritiker an der Seriosität der Informationen zweifeln.

Hirnschäden und ein gelähmter Körper

Auch in Bezug auf die Kopftransplantation beim Menschen gibt es mehrere grundlegende Probleme: Während Fachleute davon ausgehen, dass Canavero und Ren die Abstoßungsreaktionen ganz gut mit Medikamenten in den Griff bekommen werden, bezweifeln sie, dass es möglich sein wird, den Kopf ohne Hirnschäden zu verpflanzen.

Canavero plant, die Körpertemperatur des Patienten dazu von den normalen 37 Grad auf zwölf bis 15 Grad herunter zu kühlen. Bei niedrigeren Temperaturen gehen die Zellen in eine Art Stand-by-Modus und brauchen weniger Energie – das bringt wertvolle Zeit. In abgemilderter Form – mit etwa 32 Grad – wird die Technik bereits bei plötzlichem Herzstillstand angewendet.

Dass das Hirn den langen Sauerstoffmangel bei der Transplantation unbeschadet übersteht, scheint dennoch unwahrscheinlich. “Ich gehe davon aus, dass es zu einem Schlaganfall kommt”, sagte Veit Braun.

Ein zerstörtes Rückenmark lässt sich nicht reparieren

Wohl die größte Hürde besteht darin, die durchtrennten Nervenfasern im Rückenmark des Patienten wieder zu verbinden. Wäre das derzeit möglich, müssten auch Querschnittsgelähmte geheilt werden können. Canavero argumentiert, er könne die Verletzungen sehr wohl reparieren, wenn er die Schäden an den Nerven durch einen geraden, scharfen Schnitt möglichst gering hält.