Die Suche nach dem Ich

Das war ich! Damit ein Mensch so etwas sagen kann, müssen in ihm viele komplexe Prozesse ablaufen. Forscher verstehen sie erst in Ansätzen – und haben unterschiedlichste Theorien zum Ich entwickelt.

Die Philosophen sind schuld. An erster Stelle René Descartes, dicht gefolgt von John Locke. “Ego ille” schrieb ersterer in seinen Meditationen: dieses Ich. “Self is that conscious thinking thing”, lies letzterer verlauten: Das Selbst ist dieses bewusste, denkende Ding. Eine Formulierung, die vielleicht darauf zurückgeht, dass wir dazu neigen, die Welt in Dinge und ihre Eigenschaften zu zerlegen. Eine Formulierung mit weitreichenden Folgen. “Eine Entgleisung”, meint der Bielefelder Philosoph Ansgar Beckermann. Denn mit ihrer ungewöhnlichen Ausdrucksweise setzten die beiden Philosophen die Idee in die Welt, es gäbe so etwas wie ein Ich oder ein Selbst, verstanden als ein Etwas, das man irgendwo dingfest machen könne.

Damit lieferten sie die Basis für die große Vielfalt moderner Theorien, die vom Selbst, vom Selbstbewusstsein oder vom Ich handeln. Schon diese Vielfalt von Begriffen, die mal dasselbe und mal ganz unterschiedliche Dinge meinen, mal Eigenschaften einer Person, mal bestimmte ihrer Fähigkeiten, mal die physiologischen Prozesse, die diesen zugrunde liegen, macht deutlich, dass wir es hier mit einem komplexen Phänomen zu tun haben und mit Forschern, die sich wenig einig sind.

Gerne beginnen Neurowissenschaftler, Psychologen und Philosophen ihre Darstellungen mit einer kleinen Provokation. “Sie sind ihre Synapsen”, schreibt der New Yorker Psychologe und Neurowissenschaftler Joseph LeDoux. “Es gibt kein Ich und es hat nie eins gegeben”, sagt der Philosoph  Thomas Metzinger “Mein Tunnel zur Wirklichkeit”. Das klingt sensationell. Es gibt kein Ich? “Natürlich nicht”, sagt Beckermann: “Das Wörtchen ‘ich’ hat in der Sprache seinen Ort als Personalpronomen der ersten Person Singular. Damit beziehen Menschen sich auf sich selbst und sprechen über sich, nicht über ihr Ich.” Doch das bedeute nicht, dass es keine Personen gäbe, keine kognitiven Wesen, die ihre Umwelt und sich selbst wahrnehmen. Beckermann: “Es gibt kein Ich, aber es gibt mich.”

Die heute völlig übliche Rede von “dem Ich” macht die Forschung nicht leichter, denn sie verführt dazu, eine Entität zu suchen, die es nicht gibt. Erst wenn diese Klippe umschifft ist, können die Forscher an ihre eigentliche Arbeit gehen: die zahlreichen komplexen Prozesse aufzuklären, die im Körper und vor allem im Gehirn ablaufen, wenn Menschen sich mit ‘’ich’ auf sich selbst beziehen, welche Mechanismen funktionieren müssen, damit sie sich als Urheber ihrer Handlungen und Eigentümer ihrer Körper erleben können, als Menschen, die mehr oder weniger stabile Persönlichkeitsmerkmale aufweisen und ihre Lebensgeschichte erzählen können.

Die moderne Theorie über dieses komplexe Phänomen setzen mit ihren Erklärungsversuchen auf ganz unterschiedlichen Ebenen an und bedienen sich ganz unterschiedlicher Methoden, von den abstrakten Prinzipien der Mathematik über die Ergebnisse der Neurowissenschaft bis hin zur Entwicklungspsychologie des Menschen. Hier ist eine Auswahl zentraler Ansätze aus den letzten Jahren.

Antonio Damasio: Ordnung in das Selbst bringen

Die erste Aufgabe jedes Forschers, der sich auf dem Gebiet des Ich bewegt, besteht darin, seinen Gegenstand zu zergliedern, um ihn besser handhabbar zu machen. Wie so oft in der Hirnforschung profitieren die Wissenschaftler dabei vom Schicksal der Menschen mit Hirnschädigungen. Hirnschädigungen, die einzelne Fähigkeiten des Menschen in Mitleidenschaft ziehen, andere jedoch bestehen lassen, haben die Forscher überzeugt, dass sie es bei “dem Ich” mit komplexen und evolutionär unterschiedlich alten Phänomenen zu tun haben. Bekannt geworden ist vor allem die Unterscheidung von Protoselbst, Kernselbst und autobiografischem Selbst des Neurowissenschaftlers Antonio Damasio von der University of Southern California. Das Protoselbst hat seine neuronale Basis im Hirnstamm, ist eine Art Karte des Körpers und bleibt unbewusst. Das Kernselbst entsteht, wenn der Organismus mit einem Gegenstand interagiert, und geht mit subjektivem Empfinden einher. Doch erst das autobiografische Selbst integriert Erinnerungen zur Geschichte eines seiner selbst bewussten Menschen. Das Selbst beginnt damit keineswegs erst in der Großhirnrinde.

Jaak Panksepp: Am Anfang war die Tat

Auch für den Psychologen Jaak Panksepp von der Bowling Green State University of Ohia, den Vorreiter der Affektiven Neurowissenschaft, beginnt das Ich nicht mit dem Selbstbewusstsein hochorganisierter Säugetiere, sondern ganz schlicht bereits mit Bewegungen. Fliehe ein Kaninchen vor einem Räuber, handle es sich um die rudimentärste Form eines Bewusstseins – von einem Körper, der an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit mit einem bestimmten Gefühl etwas tut. Grundlage hierfür sind nach Panksepps Ansicht Repräsentationen dieser motorischen Aktivität in evolutionär alten Hirnregionen. Wer zu solch einfachen Reaktionen in der Lage sei, sei ein SELF: eine Simple Egotype Life Form. Erst darauf bauten höhere Formen bis hin zum reflektierten Selbstbewusstsein des Menschen auf.

Karl Friston: Das Ich als Annahme über die innere Welt

Der britische Neurowissenschaftler Karl Friston vom University College London geht die Entstehung eines “Sinns für das Selbst” nicht evolutionär, sondern funktional an. Seine Theorie des Gehirns als Organ, das Vorhersagen produziert, setzt bei der Erkenntnis an, dass der Cortex viel mehr mit Feedbacksignalen aus anderen Teilen des Gehirns beschäftigt ist, als mit Signalen aus den Sinnesorganen. Fristons Interpretation: Das Gehirn generiert ständig Voraussagen darüber, welche Daten als Nächstes einlaufen werden und vergleicht sie mit den tatsächlichen. Bestätigt sich die Voraussage, wird der Prozess auf einer unteren neuronalen Ebenen abgehakt, erst wenn etwas Unerwartetes geschieht, wird die nächsthöhere Ebene benachrichtigt: über den Voraussagefehler, nicht über die Welt. Dort wird die Voraussage korrigiert, oder, wenn sie dann immer noch nicht passt, noch weiter nach oben gereicht. Man erzählt der Chefin ja auch nicht ständig, dass alles ist, wie es sein sollte, sie bekommt vor allem die Probleme auf den Tisch. Letztlich geht es dem Gehirn immer nur um eins: Überraschungen zu vermeiden, meint Friston. Diese Theorie wurde zuerst für die visuelle Wahrnehmung formuliert. Inzwischen sind ihre Verfechter überzeugt, mit diesem Ansatz die kognitiven Funktionen insgesamt in den Griff zu bekommen, auch unser Selbstbewusstsein. Dieses entstehe, wenn das Gehirn Voraussagen über die innere Welt macht und korrigiert – wahrscheinlich in der Insula und im anterioren cingulären Cortex. Voraussagefehler in der inneren Wahrnehmung oder in den Denkprozessen machen die Forscher auch als Basis von Ichstörungen wie Schizophrenie oder Depressionen aus.

Marcus E. Raichle: Wenn das Gehirn Pause hat, probt es für das Selbst

An wiederum ganz anderer Stelle sucht der Neurologe Marcus E. Raichle von der School of Medicine der Washington University die Grundlagen der Fähigkeit, “ich” zu sich zu sagen. Seiner Ansicht nach spielt der präfrontale mediale Cortex dabei eine Schlüsselrolle. Seit den 1920er Jahren ist bekannt, dass das Gehirn auch dann aktiv ist, wenn der Mensch sich ausruht. Raichle und seine Gruppe konnten Anfang dieses Jahrhunderts zeigen, dass sich diese Aktivität sogar auf einem recht hohen Niveau abspielt. Wenn der Mensch sich auf eine Aufgabe konzentriert, wird sie nur geringfügig höher. Die Forscher nannten diese Ruheaktivität default mode, Normalzustand. Befindet sich der präfrontale mediale Cortex in diesem Normalzustand, ermögliche dies eine Art inneren Probelauf, in dem Informationen aus Körper und Welt mit Erinnerungen, Bewertungen und Plänen zusammengebracht werden. Dies sei zentral für das vielfältige Phänomen namens Selbst, so Raichle. Und der präfrontale mediale Cortex, der mit zahlreichen Regionen des Gehirns in enger Verbindung steht, sei ein geeigneter Kandidat für die neuronale Grundlage dieser Informationsbörse.

Joseph LeDoux: Was den Menschen einzigartig macht

Was Menschen eigentlich verstehen möchten, wenn sie nach “dem Ich” fragen, ist, wie ihre Individualität zustande kommt, was sie als Mensch einzigartig macht, meint Joseph LeDoux von der New York University. Das ist auch der Sinn hinter seinem provokativen Ausruf: “Sie sind Ihre Synapsen”. Bei jedem Menschen sind die Neuronen auf einzigartige Weise verschaltet. Und die Einzigartigkeit dieser Verschaltung ist es, die die Einzigartigkeit jeder Person ausmacht. Das Selbst, so LeDoux, ist ein zerbrechliches Gebilde. Es ist ein Gefüge aus Gedanken, Emotionen und Motiven und besteht, solange es dem Gehirn gelingt, die ganz unterschiedlichen neuronalen Systeme für Wahrnehmung, Bewegungssteuerung, Emotion, Motivation, Regulation der inneren Organe und Entscheidungsfindung richtig zu koordinieren. Dann passen Handlungsabsichten, die daraufhin ausgeführten Bewegungen, die damit einhergehenden Körperempfindungen und Emotionen zusammen. Zerfällt dieser Zusammenklang, löst sich das Selbst auf. Angststörungen, Schizophrenie, Depressionen können die Folge sein.

Daniel Dennett: Das erzählte Ich

Was LeDoux ein fragiles Gebilde nennt, ist für den Philosophen Daniel Dennett von der amerikanischen Tufts University eine bemerkenswert robuste Abstraktion. Er nennt sie “narratives Gravitationszentrum”: dieses besteht aus den Geschichten über uns selbst, mit denen wir bestimmen, wer wir sind – und existiert, solange wir oder andere Geschichten über uns erzählen. Das Ich ist also nicht die Quelle unserer Gedanken, sondern sein Produkt, wesentlich bestimmt durch die Geschichte des Individuums. Und wie sein physikalisches Gegenstück, ist es nicht an einem bestimmten Ort lokalisierbar. Wir schaffen uns ein Ich, um über uns sprechen und unsere Erfahrungen organisieren zu können. Gewöhnlich gibt es ein narratives Gravitationszentrum pro Körper, so Dennett, bei multiplen Persönlichkeitsstörungen könnten es aber auch mehrere sein.

Jerome Kagan: An der Zusammenarbeit der Disziplinen führt kein Weg vorbei

Den Psychologen Jerome Kagan von der Harvard University dürfte dieses Ergebnis nicht überraschen. Er wehrt seit den 1970er Jahren gegen die Idee, nach den ersten beiden Lebensjahren stehe die Persönlichkeit des Menschen fest. Vielmehr entwickle sich eine Person im Zusammenwirken von Anlagen und Umwelt über ihre Lebensgeschichte. Niemand könne eine Person verstehen, ohne ihre Geschichte zu kennen, so Kagan. Entsprechend müssten Biologie, Psychologie und Geisteswissenschaften zusammenarbeiten, um den Menschen zu verstehen. Das Ich im Gehirn finden zu wollen, mache keinen Sinn.

Epilog

Am Anfang stand ein Wörtchen: Ich. Bei genauerem Hinsehen stellten und stellen die Forscher immer detaillierter fest, dass sich hinter diesen drei Buchstaben ein ganzer Komplex von Phänomenen verbirgt, vom Körpergefühl bis zum Selbstbewusstsein. Ein Komplex, den sie ganz unterschiedlich aufgliedern. Und auch methodisch macht es einen Unterschied, ob man “das Ich” als Neurologe, Entwicklungspsychologe, Evolutionsbiologe, Mathematiker oder Philosoph angeht. Dass sich die verschiedenen Forscher bald auf eine umfassende Theorie einigen werden, ist nicht in Sicht. Diese Theorie aufzustellen, ist eine enorme Aufgabe, denn sie müsste eine Frage wie “Wie wurde ich der Mensch, der ich bin?” ebenso beantworten wie die nach den neuronalen Korrelaten des Selbstbewusstseins und den Ursachen von Ich-Störungen.

Einig sind sie sich jedoch darin, dass “das Ich” kein Ding ist, das man irgendwo finden könnte, wie man einen verlorenen Schlüssel finden kann. “Das Ich” ist vor allem eine verwirrende Redeweise, eigentlich eine Entgleisung. Der Philosoph Beckermann ist sich sicher: “Alles, was man über das Ich sagen kann, kann man besser und klarer sagen, wenn man es auf eine Person bezieht. Denn ich sitze im Sessel, nicht mein Ich.”