Die Antibiotika-Falle

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Es war ein Befreiungsschlag für die Medizin: 1928 entdeckte der Schotte Alexander Fleming eher zufällig das Penizillin. Endlich gab es eine Waffe gegen lebensbedrohliche Infektionskrankheiten. In der Folge fahndeten Forscher nach immer neuen Substanzen gegen gefährliche Bakterien und Pilze. Heute können Ärzte in Deutschland auf rund 80 verschiedene Antibiotika zurückgreifen.

Klingt viel – doch die rasante Entwicklung von Resistenzen, also Keimen, gegen die Antibiotika nicht mehr wirksam sind, lassen diesen Vorrat schnell dahinschmelzen.

Falsche Sicherheit

“Durch kritiklosen und zu häufigen Einsatz verlieren Antibiotika ihre Wirkung”, sagt der Münchner Immunologe Dr. Peter Schleicher. Schätzungen zufolge wird etwa jedes zweite völlig unnötig eingenommen. Etwa weil Patienten mit einfachen Erkältungen schnell wieder fit werden wollen. Doch in 95 Prozent der Fälle können Antibiotika nichts ausrichten, da sie bei Virusinfektionen ohnehin nicht wirken. Bei Bakterien kann die zu häufige Gabe zu gefährlichen Mutationen führen, es entstehen etwa multiresistente Keime (MRSA). Und gegen diese sind dann selbst Kombinationen aus mehreren Antibiotika unwirksam.

Keimfalle Krankenhaus

Besonders gefährlich sind MRSA-Keime für Menschen, deren Immunsystem bereits geschwächt ist, etwa wenn sie im Krankenhaus liegen. Typische Folgen einer solchen Infektion sind Blutvergiftung, Lungenentzündung, Harnwegs- oder Wundinfektion. Laut Europäischem Zentrum für Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC) sterben in Europa mindestens 37.000 Patienten pro Jahr an Keimen und ihren Folgeerkrankungen. Schleicher nennt einen Hauptgrund: “Oft wird die Hygiene-Verantwortung an externe Firmen ausgelagert. Es wird falsch oder gar nicht desinfiziert.”

Doch es gibt auch andere Ursachen für die Entwicklung von Resistenzen: In der Tiermast werde etwa zu kritiklos mit Antibiotika umgegangen, sagt Schleicher. “Über Tierausscheidungen gelangen Rückstände ins Grundwasser und werden so auch von Menschen aufgenommen.” Da hilft die neue gesetzliche Meldepflicht zum Einsatz von Antibiotika in der Tiermast nur wenig: Oft liegt der Grund für die Gabe in der falschen Haltung der Tiere.

Gesucht: neue Wundermittel

Sind Mediziner bald machtlos gegen gefährliche Infektionen? “Nein”, meint Dr. Schleicher. “Die Niederlande zeigen, dass ein ganzheitliches Hygiene-Konzept Resistenzbildungen unterdrücken kann.” Vor ihrer Einweisung in eine Klinik werden Patienten dort zu Hause auf resistente Keime untersucht. Folge: MRSA sind in unserem Nachbarland mittlerweile fast unbekannt. Aus den USA kommen zudem vereinzelt neue Antibiotika, an weiteren Alternativen wird geforscht. Dem Fraunhofer-Institut in Leipzig ist es etwa gelungen, antimikrobielle Peptide, also körpereigene Stoffe, zu identifizieren, die Bakterien zerstören. Der beste Schutz ist jedoch ein bewusster Umgang mit Antibiotika. “In 85 Prozent der Fälle kann man durch die Stärkung des Immunsystems auf sie verzichten”, sagt Immunologe Schleicher. Patienten müssten allerdings bereit sein, Infekte auch in Ruhe auszukurieren.